Archiv für den Monat: September 2026

Kirchenpräsidentin Wüst: „KI kann Mitgefühl simulieren, aber kein Mitgefühl empfinden“

Wie beeinflusst Künstliche Intelligenz Predigt und Seelsorge? Und welche Zukunft besitzen kirchliche Medien zwischen Printkrise und digitaler Transformation? Dorothee Wüst, Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz und Aufsichtsratsvorsitzende des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), bezieht Stellung zu den Herausforderungen im digitalen Zeitalter.

KI als Werkzeug, nicht als Ersatz
In der Debatte über Künstliche Intelligenz in der Kirche warnt Wüst vor Schwarz-Weiß-Denken. Während KI als Recherchetool und „ausgezeichneter theologischer Sparringspartner“ gute Dienste leiste, bleibe das persönliche Gegenüber unersetzlich: „Meine Theologie, mein Glauben, mein Menschsein ersetzt sie nicht“. Auf der Kanzel müsse am Ende das eigene Wort stehen. Auch in der Seelsorge stoße die Technologie an Grenzen. Auch wenn KI-Systeme in Tests überraschend empathisch wirkten, fehle der entscheidende Faktor: „KI kann Mitgefühl simulieren, aber kein Mitgefühl empfinden“. Für Menschen in Lebenskrisen bleibe das personale Gegenüber mit Lebenserfahrung und Glaubenshaltung unverzichtbar.

Kirchliche Publizistik im Medienwandel
Auch die evangelische Publizistik steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Den Auflagenrückgang bei Kirchengebietszeitungen sieht Wüst keineswegs als Abgesang auf die evangelische Publizistik. Während lokale Gemeindebriefe dank ihres Bezugs zum Alltagsleben weiterhin stabil bleiben, erfordere das Digitale neue Ansätze. Printprodukte ließen sich nicht eins zu eins ins Netz übertragen, da digitale Medien aktiv gesucht werden müssen und eigenen Gesetzen folgen. Um jüngere Zielgruppen zu erreichen, müsse die Kirche auf deren Nutzungsgewohnheiten hören. Formate wie der Evangelische Pressedienst (epd) oder das Magazin Chrismon seien für die Präsenz kirchlicher Themen in der Gesellschaft essenziell. Sie böten der Kirche einen unentbehrlichen „wohlwollenden Spiegel“ und sicherten journalistische Qualität.

Wenn der Warnschuss ungehört verhallt

Die beiden Podcaster Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth haben eine tiefe Skepsis gegenüber der Reformfähigkeit von CDU und SPD. Neben handwerklichen Mängeln beklagen sie vor allem ein fehlendes Gesamtkonzept für die Krise.

Die jüngsten Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hinterlassen in der politischen Debatte deutliche Spuren der Ernüchterung. Im Podcast Conny&Kurt ziehen die beiden eine scharfe Bilanz der Reaktionen aus den Parteienspitzen, insbesondere des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz. Dessen Auftritt nach den Wahlen wird als wirkungslos bewertet: Er habe „nur dahin geblubbert“ und Vorträge gehalten, die im Kern „hohl“ geblieben seien. Sein stures Beharren auf Reformen wirke wie das bloße Ankündigen schmerzhafter Kürzungen ohne verlässliche Zukunftsperspektive.

Die beiden sehen eine anhaltende Entfremdung der Volksparteien von der Wählerschaft. Dass die Bürger und Bürgerinnen „mit den Füßen abstimmen“, sei folgerichtig, da der Eindruck vorherrsche, „dass nur bei den Kleinen gekürzt wird“, während Vermögens- und Erbschaftsteuern unangetastet blieben. Zwar bestehe in der Bevölkerung durchaus das Bewusstsein, dass man „über unsere Verhältnisse“ lebe. Doch fehle es der Politik an einer ordnenden Idee. Unter Verweis auf den ehemaligen Siemens-Chef Joe Kaeser wird gemahnt, dass ein integriertes „Gesamtkonzept“ fehle, welches Klima, Wirtschaft und Soziales zusammenführe.

Zugleich geraten Entlastungen wie Preissenkungen beim Treibstoff als ungezielt bewertete „Gießkannenpolitik“ in die Kritik. Statt teurer Einzelmaßnahmen brauche es Transparenz über die realen Belastungen der Krise sowie die Kosten der Ukraine-Hilfen. Dass Politiker und Politikerinnen nach wie vor bloß von einem „Warnschuss“ sprächen, zeige die Distanz zur gesellschaftlichen Realität. Am Ende verbleibt der Aufruf nach Führungspersönlichkeiten bei den Parteien der Mitte, die wieder „für was kämpfen und nicht gegen was kämpfen“. Statt kurzfristiger Emotionen verlangen die Podcaster eine echten politische Vision.

Der AfD-Erfolg bedroht auch die Kirchen

Die AfD fordert in ihren Programmen erhebliche Einschränkungen der kirchlichen Finanzierung, darunter die Abschaffung der Kirchensteuer sowie das Ende staatlicher Ablösungsleistungen. Zugleich versucht die Partei, ein eigenes religiöses Profil aufzubauen: Während Kirchenvertreter von Akteuren der AfD als „Staatskirche“ diffamiert werden, inszenieren sich Vertreter des Rechtspopulismus im Schulterschluss mit pietistischen Gruppierungen als die eigentlichen Verwahrer christlicher Werte. So die Analyse im Podcast Conny&Kurt.

Den Versuchen der Vereinnahmung setzen Vertreter der evangelischen Kirche eine deutliche Abgrenzung entgegen. So haben sich etwa die vier Vorstände des größten diakonischen Gesundheitskonzerns in Deutschland Agaplesion an alle der rund 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem offenen Brief gewandt: „Wir wissen, dass die Ergebnisse der Wahl Sorgen und Unsicherheit auslösen. Vor allem Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder anderer persönlicher Merkmale Ausgrenzung oder Benachteiligung erfahren oder befürchten, können sich von den aktuellen Entwicklungen besonders betroffen fühlen. Hier möchten wir ein deutliches Zeichen setzen.“ Man wolle „jedweder Form von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Menschenfeindlichkeit entschieden entgegentreten“.

Es reiche jedoch nicht aus, sich lediglich an der AfD abzuarbeiten. Vielmehr gelte es, aktiv für demokratische Werte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzustehen, meinen auch Conny von Schumann und Kuert-Helmuth Eimuth in ihrem Podcast. Der evangelische Landesbischof von Sachsen-Anhalt, Friedrich Kramer, stellte klar: „Gemeinsam mit allen engagierten Bürgerinnen und Bürgern werden wir uns weiterhin für die Menschenwürde jedes einzelnen Menschen einsetzen, für Nächstenliebe und für ein solidarisches Miteinander.“

Neben der kirchlichen Debatte treten sozioökonomische Faktoren deutlich hervor. Viele Bürger in Ostdeutschland fühlen sich von der Politik isoliert und im Stich gelassen. Erschwerend kommt hinzu, dass im Osten seltener Betriebsrenten gezahlt werden und Erbschaften geringer ausfallen als im Westen. Um den gesellschaftlichen Fliehkräften entgegenzuwirken, fordern Kirchengemeinden positive Reformerzählungen statt verkürzter Debatten und Einsparungstiraden.

Die jüngsten Wahlergebnisse der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen-Anhalt haben weit über die Landesgrenzen hinaus Besorgnis ausgelöst. Während politische Beobachter das Ergebnis als Bestätigung verfestigter gesellschaftlicher Umbrüche werten, greift die Bezeichnung der Wahlergebnisse als bloßer „Warnschuss“ für viele Kritiker zu kurz. Das veränderte Wählerverhalten offenbart tief sitzende strukturelle Versäumnisse, die sich insbesondere in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands niedergeschlagen haben.

Verwalten statt verkünden: Die evangelische Kirche im Reformstau

Die evangelische Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Identitätskrise. Unter dem Schlagwort der „Transformation“ vollzieht sich in vielen Landeskirchen, wie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ein Strukturwandel, der an der Basis zunehmend für Enttäuschung, Müdigkeit und das Gefühl einer lähmenden Überregulierung sorgt. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur des dortigen Pfarrblatts „Das Magazin“, zeichnet in seinem vieldiskutierten Beitrag „Lost in Transformation“ das Bild einer Institution, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt und dabei den Kontakt zu den Menschen verliert. Im Podcast Conny&Kurt diskutiert Weinrich mit Conny von Schumann, der Mitglied der Synode, dem Parlament, der EKHN ist.

Seit Jahrzehnten steht das finanzielle Sparen im Vordergrund. Die Reaktion auf schwindende Ressourcen ist die Bildung immer größerer Verwaltungseinheiten, sogenannter Nachbarschaftsräume, und multiprofessioneller Verkündigungsteams. Doch diese von oben verordnete Strukturreform droht die traditionellen Ortsgemeinden und gewählten Kirchenvorstände schrittweise zu entmachten. Kritiker vergleichen diesen Rückzug mit einer Sparkasse, die ihre Filialen schließt und sich anschließend über den ausbleibenden Kundenzustrom wundert. Weinrich bringt dieses Paradoxon in seinem Artikel präzise auf den Punkt: „Weniger Präsenz vor Ort, was als Innovation verkauft wird, wird viele Orts ausschließlich als Schrumpfung erlebt.“

Zudem bemängeln Insider ein eklatantes Defizit an geistlicher Leitung und visionärer Orientierung. Anstelle von Hoffnung vermittle die Kirchenleitung oft nur das Bild einer „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“. Gesellschaftlich relevante Debatten – ob zur Friedensethik im Ukraine-Krieg oder zu drängenden Fragen wie der Leihmutterschaft – werden von den Verantwortlichen gemieden. Man verwalte sich zu Tode, während die inhaltliche Relevanz in der Mittelmäßigkeit versinke. Um den fortschreitenden Verlust von engagierten Ehrenamtlichen und Geldgebern aufzuhalten, bedarf es laut den Kritikern dringend eines Mutes zum Risiko und einer neuen Lust am unregulierten Experiment.