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Zwischen Glaube und Growls: Kirchliche Seelsorge auf Heavy-Metal-Festivals

Während die evangelischen Landeskirchen bundesweit unter erheblichem Spardruck stehen, sucht die „Junge Nordkirche“ die Konfrontation mit der profanen Welt dort, wo sie am lautesten ist. Katharina Schunck, Jugendpastorin der Nordkirche, leitet die Festivalseelsorge auf Großveranstaltungen wie dem „Wacken Open Air“ und dem „Baltic Open Air“. In einer Umgebung, die traditionell eher mit satanischer Symbolik als mit christlicher Nächstenliebe assoziiert wird, leisten multiprofessionelle Teams psychosoziale Unterstützung, berichtet die Theologin im Podcast Conny&Kurt.

Das Aufgabengebiet ist dabei so vielfältig wie das Publikum. In Wacken, das mit 85.000 verkauften Tickets und einer altersübergreifenden „Mehrgenerationen-Struktur“ eine logistische Herausforderung darstellt, begegnet das Team auch Besuchern mit klinischen Vorbelastungen,. Laut Schunk ist hier das „Verbalisieren von psychischen Vorerkrankungen“ besonders ausgeprägt; viele Hilfesuchende kennen das Angebot seit Jahren und suchen gezielt Stabilisierung. Auf dem kleineren „Baltic Open Air“, das eher der Deutsch-Mittelalter-Rock-Szene zuzuordnen ist, dominiert hingegen die niedrigschwellige Beratung. Oft fungiert Alkohol als emotionaler Verstärker, der verdrängten Alltagsballast an die Oberfläche spült.

Theologisch bewegt sich die Arbeit in einem Spannungsfeld. Schunck betont, dass es nicht um missionarischen Eifer gehe. Vielmehr wolle man „dicht an den Menschen sein“ und einen „Safer Space“ bieten, gerade für Personen, die im kirchlichen Kontext Verletzungen oder Traumata erfahren haben. Die pastorale Leitung nutzt dabei eine bewusste Umdeutung der Genre-Symbolik: Die „kleinen Dämonen“, die den Seelsorge-Bus zieren, stehen sinnbildlich für die persönlichen psychischen Lasten, die die Besucher mit sich tragen.

Die Präsenz der Kirche auf dem „Heiligen Acker“ von Wacken ist dabei kein einseitiges Drängen der Geistlichkeit, sondern geht auf eine explizite Initiative der Festivalveranstalter aus dem Jahr 2010 zurück. Heute umfasst das Team neben Pastoren auch Psychotherapeuten, Diakone und Psychiater, die im Mehrschichtbetrieb agieren. Trotz kirchlicher Sparzwänge verteidigt Schunck das Engagement als Kernauftrag: In der bedingungslosen Begleitung in Krisenmomenten werde der Wert kirchlicher Arbeit auch ohne Talar oder Kollarhemd für eine kirchenferne Zielgruppe unmittelbar erfahrbar.

Schleswig-Holstein: Antisemitische Vorfälle mehr als verdoppelt

Die Zahlen sind alarmierend: Antisemitische Vorfälle in Schleswig-Holstein haben sich von rund 120 im Jahr 2023 auf 588 im Jahr 2024 vervierfacht. Viele Jüdinnen und Juden trauen sich aus Angst nicht mehr, ihre Identität offen zu zeigen. Der Beauftragte für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus des Landes Schleswig-Holstein, Gerhard Ulrich, beschreibt im Podcast Conny&Kurt Antisemitismus als ein „hartes“ und „immer zunehmendes“ Problem. Er definiert Antisemitismus gemäß der von der Bundesregierung anerkannten Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) als eine Form von Hass, der sich gegen Juden richtet, weil sie Juden sind. Dieser Hass äußert sich vielfältig, von körperlichen Übergriffen, Beleidigungen und Verschwörungserzählungen bis zu konkreten Aktionen wie dem Angeben von Adressen jüdischer Mitbürger.

Ulrich differenziert zwischen „linkem“ Antisemitismus (der Israel-Kritik mit der Verantwortlichmachung von Juden für israelische Regierungsentscheidungen verbindet), „rechts außen“ (der alte Vorurteile bestätigt) und „importiertem“ Antisemitismus (der aus Ländern kommt, in denen das Existenzrecht Israels geleugnet wird).

Das Wiederaufleben uralter Vorurteile erklärt er mit der zunehmenden Komplexität der Welt und der Suche nach Sündenböcken. Insbesondere die Corona-Pandemie (mit Verschwörungsmythen wie „Weltjudentum“) und der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 haben antisemitische Vorfälle verstärkt. Jüdische Bürger in Schleswig-Holstein leiden darunter, für Israels Handlungen verantwortlich gemacht zu werden, wobei der ursprüngliche Hamas-Terror oft ausgeblendet wird. Ulrich betont, dass nicht jede Kritik am Staat Israel antisemitisch ist; eine Grenze sei jedoch überschritten, wenn Israels Existenz- oder Selbstverteidigungsrecht geleugnet oder Juden insgesamt dämonisiert werden. Die hier lebenden Juden seien nicht für die Politik Israels verantwortlich. Das Bundesverfassungsgericht hat zudem geurteilt, dass Antisemitismus nicht unter Meinungsfreiheit fällt.

Als primäre Gegenmaßnahmen nennt Ulrich Bildung und Begegnung. Schulen und Kindergärten müssen Demokratiebildung und den Abbau von Vorurteilen fördern. Positive Beispiele sind die langjährige christlich-jüdische Zusammenarbeit der Kirchen und Sportverbände, die Austauschprogramme mit Israel unterhalten. Ulrich fordert verpflichtende Gedenkstättenbesuche für Schülerinnen und Schüler, um die Erinnerungsarbeit zu stärken.

Auch das Bewusstsein für gemeinsame kulturelle und religiöse Wurzeln, etwa in Sprache und Musik, soll geschärft werden. Gemeinsame Feste wie das Aufstellen eines Hanukkah-Leuchters neben dem Weihnachtsbaum können jüdisches Leben sichtbarer machen und Vorurteile abbauen. Der Kampf gegen Antisemitismus erfordert ständige Anstrengungen und viel Unterstützung.

Zur Person:
Landesbischof em. Dr. h.c. Gerhard Ulrich ist seit 2022 Schleswig-Holsteins Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus

Pilgern ist religiöse Praxis – Die Nordkirche hat ein eigens Zentrum zur Unterstützung

Seit 1. März hat Karpa seinen Arbeitsplatz im Pilgerzentrum an der St. Jacobi-Kirche in Hamburg. Dort informieren sich Interessierte über geeignete Routen und bekommen Tipps von erfahrenen Pilgern. Das Pilger-Zentrum der Nordkirche bietet auch Pilgerstammtische außerhalb der Kirche an, wo man sich bei Currywurst und Bier locker austauschen kann. Das Angebot soll niedrigschwellig sein und auch Menschen ansprechen, die mit Kirche nicht viel am Hut haben. Im Podcast Conny&Kurt erläutert Karpa was Pilgern vom Wandern unterscheidet. Die Erfahrungen einer Pilgerreise seien einzigartig und tiefgehend. Auch für Pilger, die sich nicht als religiös bezeichneten, sei so eine Reise spirituell. „Man begegnet Gott, sich selbst, der Natur und neuen Menschen.“ Dabei muss Pilgern nicht lang sein. Auch auf kurzer Distanz gerät man in Bewegung.

Pop Up Church

Über die Situation der evangelischen Kirche macht sich Pastorin Emilia Handke keine Illusionen. So lässt nur noch die Hälfte der Mitglieder in Hamburg ihre Kinder taufen. Sie geht mit Kolleginnen und Kollegen im Talar auf die Straße. Sinnlich wollen die jungen Pfarrerinnen und Pfarrer in den Dialog treten, aber auch Religion erfahrbar machen. Beispielsweise in dem sie im Einkaufstrubel Fußwaschungen anbieten oder beim CSD Paare segnen. Die Aktionen der Pop Up Church strahlen längst in andere Landeskirchen aus. Gute Ideen setzen sich eben durch.

Lebendig und anschaulich berichtet die promovierte Theologin im neuen Podcast von Conny&Kurt von ihren Erfahrungen. Die designierte Verantwortliche für die praktische Ausbildung des Theolog:innenachwuchses der Nordkirche fordert eine einfache Sprache: „Wir müssen komplizierte Dinge im Grunde in einem Satz sagen können. Man könne gar nicht Elementar genug sein. Der Umgang mit der Institution Kirche sei eben nicht mehr selbstverständlich, selbst für Mitglieder.