Der zerbrochene Spiegel: Kahlschlag in der evangelischen Publizistik

In den Gremien der bayerischen Landeskirche regiert derzeit der Rotstift, und sein bevorzugtes Ziel scheint ausgerechnet jenes Gut zu sein, das sich die Kirche nach 1945 als demokratisches Korrektiv mühsam auferlegt hat: die unabhängige Publizistik. Während die klassische Öffentlichkeitsarbeit – jenes Instrumentarium, mit dem die Institution ihre eigenen Wohltaten ins rechte Licht rückt – unangetastet bleibt oder gar gestärkt wird, droht den kirchennahen, aber redaktionell eigenständigen Medien das finanzielle Aus.

Gerd-Matthias Hoeffchen, Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland“, warnt im Podcast Conny&Kurt vor einer fatalen Verwechslung: Publizistik ist keine PR. Während die Öffentlichkeitsarbeit das Selbstbild der Kirche pflegt, fungiert die unabhängige Presse als „kritisch-loyaler“ Spiegel. Dieser Blick von außen, der die Perspektive der Kirchenmitglieder und Leser einnimmt, ist eine Lehre aus den Erfahrungen des Dritten Reiches. Man wollte nach dem Krieg eine Instanz schaffen, die eben nicht in die hierarchische Weisungskette eingegliedert ist, um eine erneute Gleichschaltung zu verhindern.

Doch die Synoden und Kirchenleitungen scheinen das Gespür für diesen feinen, aber systemrelevanten Unterschied verloren zu haben. In Bayern, einer traditionell wohlhabenden Landeskirche, sollen die Zuschüsse zum Jahresende massiv gekürzt werden. Damit steht die Existenz renommierter Blätter wie des Sonntagsblatts auf dem Spiel. Das Argument der wirtschaftlichen Notwendigkeit greift hierbei zu kurz. Zwar steckt der Printsektor in einer Krise, doch die gedruckte Kirchenzeitung ist oft das einzige Medium, für das Mitglieder noch bereitwillig bezahlen. Ein digitaler Ersatz, der sich wirtschaftlich trägt, ist in der Fläche nicht in Sicht.

Besonders schmerzhaft ist die Kurzsichtigkeit dieses Vorgehens im Hinblick auf den kirchlichen Strukturwandel. Anstatt landeskirchliche Egoismen zu überwinden und gemeinsame, EKD-weite Lösungen für die Publizistik zu finden, agiert jede Teilkirche für sich. „Wenn die unabhängige Stimme im innerkirchlichen Diskurs erstirbt, verliert die Kirche nicht nur ihre „vierte Gewalt“ zur internen Qualitätssicherung, sondern auch ihre Relevanz in einer zunehmend säkularen Gesellschaft“. Es ist paradox: Während die Kirche öffentlichkeitswirksam die Bedeutung freier Medien für die Demokratie beschwört, zerbricht sie im eigenen Haus den Spiegel, den sie so dringend nötig hätte.

https://youtu.be/MrZKQopm1ZY

Zur Person:
Gerd-Matthias Hoeffchen, 1962 in Castrop-Rauxel geboren, hat Theologie in Bochum und Bielefeld studiert. Nach einem Volontariat beim Evangelischen Presseverband für Westfalen und Lippe arbeitete er dort zunächst als Redakteur für den Evangelischen Pressedienst (epd) im Landesdienst Niedersachsen-Bremen. 2005 wechselte der leidenschaftliche E-Gitarrist und Motorradfahrer zur evangelischen Wochenzeitung »Unsere Kirche«, seit 2013 ist er deren Chefredakteur. Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland“

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