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So oder so: „Wir werden schuldig.“Altpräses Manfred Rekowski zu Gast bei Conny&Kurt

Angesichts globaler Krisen fordert Manfred Rekowski, der von 2013 bis 2021 als Präses (Bischof) die Geschicke der Rheinischen Kirche leitete, im Podcast Conny&Kurt eine Rückbesinnung auf die Friedensethik, ohne in naiven Pazifismus zu verfallen. Mit Verweis auf die Barmer Erklärung und Dietrich Bonhoeffer spricht er von notwendiger „Schuldübernahme“. Wer Gewalt anwende, um Opfer zu schützen, werde schuldig – wer sie jedoch unterlasse und die Opfer den Aggressoren überlasse, ebenso. „Jede Anwendung von Gewalt ist eben Schuldübernahme“, so Rekowski, der mahnt, stets eine opferorientierte Perspektive einzunehmen, da es in kriegerischen Konflikten letztlich nur Verlierer gebe.

Manfred Rekowski,, ist ein Wanderer zwischen den Welten. Geboren in Masuren, geprägt durch den Umzug ins Ruhrgebiet und schließlich ins Rheinland, sieht er sich heute als jemanden, der früh „gelernt hat, mit Veränderung zu leben“. Der „Altpräses“ blickt auf eine Institution, die sich zwischen Mitgliederschwund und technologischem Wandel neu erfinden muss.

Rekowski mahnt zur Gelassenheit gegenüber zentralistischen Reformen. Fusionen seien keine Patentlösung: „Bindungskraft entwickeln nach meiner Wahrnehmung nicht neu entstehende Rechtsträger (…), sondern Bindungskraft haben Menschen oder Gebäude oder Themen“. Statt „normierter Einheitsgemeinden“ fordert er Lösungen, die dem lokalen Kontext gerecht werden. Auch bei der Digitalisierung warnt er vor bürokratischem Größenwahn. Statt teurer, eigens entwickelter Finanzsoftware plädiert er für handelsübliche Programme: „Die ganz großen Lösungen, die sind auch manchmal ganz schön teuer“.

Der Mut zu neuen Wegen und die Nähe zum Menschen im Quartier bleiben für ihn die zentrale Aufgabe der aktuellen Generation.

Zur Person:
Manfred Rekowski war von 2013 bis März 2021 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Dass er einmal oberster Repräsentant der zweitgrößten EKD-Gliedkirche werden würde, war dem am 11. Februar 1958 in Polen geborenen Wahl-Wuppertaler nicht in die Wiege gelegt. „Wahrscheinlicher war damals, dass ich Landwirt in den Weiten Masurens werde“, sagt Rekowski. Aber als der Junge fünf Jahre alt ist, verlässt seine Familie ihren Bauernhof und siedelt in die Bundesrepublik über. Erste Stationen dort sind Gladbeck und Honrath im Rhein-Sieg-Kreis.

„Ich habe erlebt, dass das Leben, das einem so vertraut erscheint, immer auch ganz anders sein kann – und das von jetzt auf gleich“, resümiert der frühere Präses. „Während wir auf dem kleinen Bauernhof in Polen gelebt haben, gehörten wir als Deutschstämmige zu einer Minderheit. Dann zogen wir nach Deutschland, wohnten mit sechs Personen in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, und ich erlebte auf der Straße und dem Schulhof, dass ich ob meines Dialekts doch wieder der Pole war. Diese Erfahrung hat sich mir sehr eingeprägt und mir jede strukturkonservative Grundhaltung ausgetrieben.“

Manfred Rekowski war seit dem Jahr 2011 hauptamtliches Mitglied der Kirchenleitung. Er leitete von 2011 bis zu seiner Wahl zum Präses 2013 als Oberkirchenrat die Personalabteilung im Landeskirchenamt.

Als Barmer Superintendent hat er daran mitgewirkt, dass durch die Schenkung eines Teils des Grundstücks der Gemarker Kirche an die Jüdische Kultusgemeinde der Neubau der Bergischen Synagoge möglich wurde – am historischen Ort der Barmer Theologischen Erklärung.

Die Umbrüche auch der Kirche in seiner strukturschwachen Heimatstadt Wuppertal haben ihn geprägt: „Aufgrund der stark rückläufigen Mitgliederentwicklung mussten wir deutlich sparen. Aber wir haben mehr gespart als wir mussten, damit wir auch neue Akzente setzen konnten“, beschreibt Rekowski zum Beispiel den Ausbau der Citykirchen-Arbeit. „Mir geht es darum, den Menschen neue Türen zum alten Haus Kirche zu öffnen.“

Wer mit Manfred Rekowski zusammenarbeitet, schätzt seine Verlässlichkeit, seine Bereitschaft, erst einmal zuzuhören, und seine seelsorgliche Nähe. Der Altpräses der Evangelischen Kirche im Rheinland gilt als zurückhaltend und ruhig. Wer aber einmal mit ihm bei einem Spiel von Borussia Dortmund war, weiß: Der Fußballfan, der seit den Zeiten von Tilkowski, Emmerich und Held „schwarz-gelb gefärbt“ und seit dem Jahr 2000 Mitglied beim BVB ist, kann auch anders…

Georg Magirius und die Kunst der Ermutigung

Seit 25 Jahren betreibt der Frankfurter Theologe und Schriftsteller Georg Magirius seine „Heilspraxis“, in der er Menschen durch Spaziergänge und Gespräche zum Nachdenken anregt. In seinem neuen Buch präsentiert er nun „Zehn Perlen der Bibel“ – ein Werk, das sich der Kategorisierung als klassischer Ratgeber oder reines Andachtsbuch entzieht. Magirius möchte biblische Bilder nicht lediglich theoretisch auslegen, sondern sie, wie er es im Podcast Conny&Kurt formuliert, „auf die Perle bringen“.

Zentrales Motiv seines Denkens ist die Bewegung. Für Magirius ist die Heilige Schrift im Kern ein „Wanderbuch“ voller Geschichten des Aufbruchs. In der zehnten Perle der Weisheit formuliert er radikal: „Wenn alles am Ende ist, geht es weiter“. Selbst die „allerletzte geheimnisvollste Grenze“ sei kein Schlusspunkt, sondern ein neuer Anfang. Diese Zuversicht speist sich aus einfachen Naturbeobachtungen: Dass die Sonne jeden Morgen aufgeht, ohne dass der Mensch etwas dafür tun muss, bezeichnet er als „unglaubliches Geschenk“ und zugleich als eine „Provokation“ für unsere moderne Macher-Mentalität.

Die nötige Glaubwürdigkeit gewinnt der Autor dabei aus einer konsequenten Subjektivität. Anstatt sich hinter theologischen Abhandlungen zu verstecken, setzt er auf das persönliche Zeugnis: Er könne biblische Worte nur dann glaubhaft weitergeben, wenn er von sich selbst erzähle. Erst durch das Zeigen der eigenen Wunden könne wahre Menschlichkeit entstehen. Ob es um die Heilung der blutflüssigen Frau oder die „Qualität der Berührung“ geht – Magirius sucht stets den lebendigen, existentiellen Kern der Sprache. Sein Buch richte sich daher an „jeden und jede“, die bereit sind, sich von der verwandelnden Kraft biblischer Bilder „mitreißen“ zu lassen.

Zwischen neuem Absolutismus und Daseinsfürsorge: Eine Bilanz des Jahres 2025

Das Jahr 2026 markiert einen Wendepunkt, der in seiner Intensität kaum zu überbieten ist. Bereits im Januar konstatierte die Sozialministerin Bärbel Bas, dass die ersten 15 Tage des Jahres weltpolitisch das Gewicht von 15 Jahren trugen. Conny&Kurt schauen indes persönlich durchaus zufrieden auf 2025 zurück. Es zeigt sich allerdings ein tiefgreifender Riss zwischen der Stabilität des deutschen Sozialstaates und einer erodierenden Weltordnung.

Während sich im Inneren Errungenschaften wie das Deutschlandticket als „Segen der Daseinsfürsorge“ etabliert haben ,blickt die Welt auf ein Washington, das zunehmend Züge des Absolutismus trägt. Die Rede ist von einem „Kindergarten im Weißen Haus“, in dem Donald Trump seine Minister wie Kinder behandelt und goldene Ballsäle in einer Manier errichtet, die an Ludwig XIV. erinnert. Doch hinter der bizarren Fassade steht eine harte „Weltordnung der Starken“, getrieben von den Interessen großer Militärblöcke und Akteuren wie Elon Musk, dessen Kapital die eigentlichen Drahtzieherrollen besetzt,.

Besonders besorgniserregend bleibt die Abkehr von moralischen Standards. Die geopolitische Architektur basiert zunehmend auf Gewalt statt auf Recht, was sich in der Eskalation in Venezuela und der massiven Steigerung des US-Militäretats auf 1,5 Billionen Dollar manifestiert. Gleichzeitig wird der Klimawandel, trotz der wärmsten Jahre seit der Industrialisierung, politisch oft ignoriert.

In Deutschland hingegen zeigt sich die Wirtschaft inmitten der Transformation gespalten: Während Traditionsbetriebe unter dem Druck der Veränderung leiden, gelingt Konzernen wie BMW durch Dreisäulenmodelle und Elektrifizierung der Sprung in die Zukunft. Am Ende bleibt für 2025 eine skeptische Dankbarkeit: „Wir klagen auf hohem Niveau, während die nächste Generation vor einer ungewissen Zukunft steht“.

„Wer nur auf das Echo in der eigenen Halle wartet, wird den Gesang der Welt draußen niemals hören.“

Die Verheißung des Neuen: Zwischen Bibelsprüchen und digitaler Überforderung

In einer Zeit, in der politische Reformversprechen und technologische Umwälzungen den Alltag prägen, wirkt die biblische Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu“ gleichermaßen wie ein Heilsversprechen und eine Überforderung. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur aus Darmstadt, mahnt in einem aktuellen Diskurs zur Vorsicht gegenüber einer bloßen Rhetorik der Erneuerung. Solche Sprüche könnten einen „erschlagen“, wenn ihnen keine Taten folgen; er warnt davor, lediglich „Sprüche zu kloppen“.

Besonders deutlich wird die Ambivalenz des Neuen im Bereich der Digitalisierung. Während Orte wie Aarhus als vollkommen digitalisierte Städte voranschreiten, fühlen sich viele Bürger – insbesondere die ältere Generation – von der Geschwindigkeit der Veränderungen entfremdet. Die digitale Teilhabe werde zur Frage der staatlichen Daseinsfürsorge, doch oft bewirke das Neue eher einen Ausschluss. Weinrich betont hier die Notwendigkeit einer inneren Haltung: Es gelte, zu sortieren und sich „nicht selbst aussortieren oder aussortieren zu lassen“.

Scharfe Kritik übt Weinrich an der Institution Kirche, die sich in ihre eigene „Babbel“ zurückgezogen habe. Statt die Sehnsüchte der Menschen dort aufzugreifen, wo sie sich versammeln – etwa bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Darmstädter Turmblasen –, verharre man in überkommenen Formen und einer „verkappten alten Kirchenmusik“. Die Kirche agiere oft als „reiner Selbstzweck“ und verpasse die Chance, sich dem „Eventmarkt“ oder dem realen Leben in Kneipen und auf Plätzen zu öffnen.

Weinrichs Plädoyer ist ein Aufruf zur Neugier und zum Handeln: „Nicht zu lange fragen, dürfen wir das oder dürfen wir nicht – sondern machen“. Nur durch das Durchstoßen der eigenen Blase und eine generationenübergreifende Offenheit könne eine Gesellschaft lebendig bleiben. Erneuerung sei zwar mühsam und anstrengend, aber essenziell, um nicht wie ein „behebiger Teich“ zu stagnieren.

Man könnte sagen: „Wer nur auf das Echo in der eigenen Halle wartet, wird den Gesang der Welt draußen niemals hören.“

Hoffnung als Imperativ: Dekan Guth über die Weihnachtsbotschaft in Zeiten der Krise

Angesichts von Kriegen und einer spürbaren „negativen Stimmung“ sowie Frustration in der Bevölkerung, sieht Dekan Volkhard Guth vom Evangelischen Dekanat Wetterau die Kirche in der Pflicht, die Menschen positiv abzuholen. Er bestätigt die verbreitete Resignation: Viele Menschen, besonders Junge, hätten „wenig Hoffnung“ auf eine gelingende Zukunft. Dennoch sei gerade jetzt Weihnachten unverzichtbar.

Guth betont im podcast Conny&Kurt, dass sich die Gesellschaft in diesen Zeiten „Hoffnungslosigkeit gar nicht leisten“ könne. Zwar erscheine die Botschaft vom „Friede auf Erden“ angesichts weltweiter Konflikte unpassend, doch sei sie gerade deshalb das, „was Menschen brauchen“. Dieser allumfassende Friede Gottes („Schalom“) sei nicht lediglich die Abwesenheit von Krieg, sondern die „Wiederherstellung von gerechten Lebensverhältnissen in als ihren Belangen“.

Die Theodizee-Frage, warum ein allmächtiger Gott Kriege zulasse, verneint der Dekan entschieden. Er hält dies für zu einfach gedacht, da der Mensch die ihm gegebene geschöpfliche Freiheit zur Lebensgestaltung in Eigenregie missbrauche. Gott leide vielmehr mit. Die Verantwortlichkeit, das Leben miteinander zu gestalten, sei von Anfang an mitgegeben worden.

Trotz Kommerzialisierung zeige die breite Akzeptanz von Weihnachtsbräuchen, wie etwa beim „Rudel singen“ in Stadien, eine tiefe Sehnsucht nach Besinnlichkeit. Hier sehen Kirchenvertreter „Andockpunkte“ für das Evangelium. Die Menschen singen die Weihnachtslieder dabei „sehr furchtvoll“ und ergriffen mit.

Die Aufforderung des Dekans, die sich auf eine alte Verheißung bezieht, lautet: „seht auf eure Erlösung nah“. Es gelte, das Verbindende zu nutzen und das Zusammenkommen der Familie zu zelebrieren.

Theologin Sybille Fritsch-Oppermann veröffentlicht Band politischer Lyrik

Die Autorin und Theologin Sybille Fritsch-Oppermann, die in der Seelsorge, der Akademiearbeit und wissenschaftlich tätig war, hat in ihrem jüngsten Werk „Anderes,“ politische Lyrik versammelt. Der Band erscheint im Geest-Verlag im Rahmen einer geplanten lyrischen Trilogie, deren erster Teil den Dialog zwischen westlicher und östlicher Mystik behandelte.

Fritsch-Oppermann, die ihre Lyrik unter dem Künstlernamen Sybille Fritsch publiziert, beschreibt im Podcast Conny&Kurt ihr neues Buch als eine Reaktion auf die globale Verengung und die „wachsende Melancholie“ in der Spätmoderne. Besonders der Angriffskrieg in der Ukraine habe Deutschland und Europa „über die Maßen durcheinander gewirbelt“ und zur Reflexion angeregt, warum Menschen sich erst dann um Kriege kümmerten, wenn diese vor der eigenen Haustür stattfänden.

Der Titel „Anderes,“ – mit Komma! – sei dabei programmatisch gewählt. Das Komma fungiert als „grammatikalische Metapher“ dafür, dass der Friede auf Erden eine „unvollendete Aufgabe“ sei. Die Autorin lehnt ein Ausrufezeichen ab, da sie es als Theologin als zu „großkotzig“ empfindet, während ein Fragezeichen zu „wankelmütig“ wäre. Das Komma signalisiert, dass der Mensch ständig auf dem Weg sei und nie den Punkt erreichen werde, an dem der Friede vollendet sei.

Die Dichterin ist zutiefst davon überzeugt, dass „Frieden und Freiheit und globale Gerechtigkeit nur im Diskurs zu erreichen sind“. Die Begegnung mit dem Anderen sei der erste Schritt zum Frieden. Für Fritsch-Oppermann dient die Lyrik dabei als notwendiges Medium der Schönheit, ein „dritter Ort“ zwischen Ethik und Dogmatik. Sie ermögliche es, „ganz verfahrene Situationen“ zu besprechen, indem sie sprachliche „Offenheit“ trägt und „zwischen den Zeilen Antworten aus anderer Perspektive zulässt“. Ein Vers aus dem Band lautet: „Ein Friede lagert sich dann in den Unrechtsschluchten und wartet nur auf unsere Einsicht“.

Im Gespräch äußerte sich Fritsch-Oppermann auch zur Friedensdenkschrift der EKD. Sie lobt deren Pragmatismus und Realismus, da die Theologie sich nicht vor realpolitischen Fragen drücken dürfe. Dennoch kritisiert sie, dass die EKD weiterhin von einem Naturrechtsgedanken ausgehe. Globale Ungerechtigkeiten und Kriege müssten jedoch durch positives Recht und Diskurs in Schranken gehalten werden. Sie plädiert in akuten Krisen für eine Situationsethik, in der man in „verantworteter Vorläufigkeit“ handelt, da man die Hände nicht in Unschuld waschen könne: „Egal wie wir handeln, wir werden schuldig“.

Zur Person: 
Sybille Fritsch-Oppermann lebt in Hannover und Windheim an der Weser. Gedichte veröffentlichte sie in deutschsprachigen Anthologien seit den Achtzigerjahren. Bisher vier eigenständige Lyrikbände. Zuletzt im Geest-Verlag „Da!“ Gedichte (2024).

Der „Friedensplan“ als Kapitulationsforderung

Die jüngsten Gespräche über einen möglichen Frieden in der Ukraine werden von Beobachtern der politischen Szene als zutiefst problematisch und wenig aussichtsreich eingestuft. Nach anfänglicher Hoffnung nach dem „Kickoff in Alaska“ sei die Initiative durch Russland unterbrochen worden, meint Andreas von Schumann, 2. Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Forums im Podcast Conny & Kurt. Der der Ukraine und Europa überraschend vorgelegte sogenannte Friedensplan wird als „Kapitulationsurkunde“ charakterisiert, nicht als echte Friedensgrundlage. Dieser Plan wurde durch massive Intervention europäischer Staaten von ursprünglich 28 auf 19 Punkte reduziert.

Als zentrale „Knackpunkte“ werden drei Themen identifiziert: die unklaren Sicherheitsgarantien (die „völlig vernebelt“ seien), die territorialen Gebietsansprüche und die Frage des NATO-Beitritts der Ukraine. Moskau geht es dem Vernehmen nach nicht nur um die Anerkennung der besetzten Gebiete als russisch, sondern explizit darum, dass diese Gebiete „de Jure russisch“ werden. Ein weiterer eklatanter Punkt des Papiers ist die Forderung, dass Kriegsverbrechen „nicht verfolgt werden“.

Für die Ukraine ist eine Zustimmung zu diesen Forderungen innenpolitisch kaum möglich. Da das Land eine Demokratie und keine Diktatur ist, erfordert etwa die Änderung des in der ukrainischen Verfassung festgeschriebenen NATO-Beitritts ein breites gesellschaftliches Votum. Zudem zielt Russland offenbar darauf ab, ein „Russlands genehmes Regime“ zu installieren, was durch militärische Mittel derzeit nicht erreicht wird. Forderungen nach Wahlen innerhalb von 100 Tagen in einem kriegszerstörten Land werden als zynisch und technisch absurd bewertet.

Die Ukraine befindet sich in einer „richtig schwierigen Situation“, da sie weiterhin von den USA abhängig ist – insbesondere für Geheimdienstinformationen und Munitionsnachlieferungen. Diese Abhängigkeit wird durch die zunehmende Verknüpfung von Friedensverhandlungen mit den Geschäftsinteressen der USA im Rohstoffbereich kompliziert.

Die Zerstörung der zivilen Infrastruktur durch Russland, die zu massivem sozialen Elend führt, zeugt davon, dass Russland keinen Waffenstillstand wünscht. Angesichts des heraufziehenden harten Winters sind die Vorzeichen „eher düster“. Nur „entschlossenes Handeln“ Europas und der USA könnte Moskau zum Einlenken bewegen, da Russland auf nichts anderes reagiere.

Zur Person:
Andreas von Schumann, Stellvertretender Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Forums.
Das Deutsch-Ukrainische Forum, 1999 gegründet, um Akteure aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft zu vernetzen, hat sich seit 2014 und insbesondere seit 2022 stark auf humanitäre Hilfe und Soforthilfe konzentriert. Ihr Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Vorbereitung des Wiederaufbaus der Ukraine und der Stärkung der Kooperation zwischen deutschen, europäischen und ukrainischen Unternehmen. Dies beinhaltet die Unterstützung bei der provisorischen Reparatur zerstörter Infrastruktur, aber auch die Förderung wirtschaftlicher Entwicklung und der Schaffung von Einkommen. Das Forum organisiert Reisen für deutsche Unternehmen in die Ukraine und arbeitet eng mit lokalen Institutionen zusammen, um Kontakte zu knüpfen und das große Potenzial der Ukraine, beispielsweise im Bereich Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit, zu nutzen.

Wo Hoffnung wachsen kann: Krankenhausseelsorge

Die Krankenhausseelsorge ist ein Dienst direkt am Menschen. Inke Pötter, Pastorin und Krankenhausseelsorgerin in Pommern, beschreibt die Herausforderungen einer Tätigkeit, die sich als essenziell und niederschwellig erweist. Die Tätigkeit der Seelsorge ist im Klinikalltag oft nur eine Momentaufnahme, da Patienten und Patientinnen in Häusern der Grund- und Regelversorgung schnell verlegt werden. Hierbei geht es Pötter zufolge nicht darum, „Hoffnung zu vermitteln“ oder gar „falsche Hoffnung“ zu wecken, da niemand wissen kann, ob eine schwere Diagnose positiv ausgeht. Stattdessen sei ihre Aufgabe, einfach nur Zeit zu haben und zuzuhören, damit Hoffnung in einem Gespräch wachsen und entstehen kann. Wie sie scherzhaft anmerkt, besitze sie keinen „Zauberstab“.

Ein wesentlicher Teil der Herausforderung liegt darin, ohne Vorurteile in ein fremdes Zimmer zu kommen und sich offen auf den Menschen einzulassen. Entscheidend ist, auch das Bedürfnis des Patienten oder der Patientin zu respektieren, kein Gespräch führen zu wollen („Nee, ich will nicht“). Besonders im ländlichen Raum Ostdeutschlands, wo die kirchliche Bindung gering ist, empfindet Inke Pötter die Offenheit ihres Dienstes als große Chance. Sie stellt sich zwar als Pastorin vor, geht aber zu jedem, der sprechen möchte, unabhängig von Konfession. Oftmals zeigen Menschen, die beteuern, mit Kirche nichts zu tun zu haben, im Gespräch doch noch überraschende religiöse Bezüge oder Gewohnheiten, etwa das tägliche Gebet.

Auch für das Krankenhauspersonals ist sie Ansprechpartnerin. Durch Kontinuität – Inke Pötter ist seit sechs Jahren im Dienst – wächst die Akzeptanz und die Entlastungsfunktion für die Mitarbeitenden, die selbst großer psychischer Belastung ausgesetzt sind.

Ein drängendes gesellschaftliches Problem, das sich im Krankenhaus manifestiert, ist die Einsamkeit. Während in der ländlichen Uckermark manchmal noch Großfamilien gut funktionieren, sei die Einsamkeit oft auch grenzenlos. Die Pastorin sieht hier einen Bedarf an weiterführenden Angeboten wie einem Besuchsdienstkreis für isolierte Menschen, da ihre Arbeit am Krankenhaus endet.

Kirchenpolitisch sieht sich der Dienst derzeit in einer prekären Lage. In der Nordkirche und der hessischen Kirche wird der „Rotstift“ angesetzt. Die Argumentation, Gemeindepfarrer;innen sollten die Aufgabe übernehmen, verkennt laut Pötter die Überlastung der Ortsgeistlichen. Sie betont, dass Krankenhausseelsorge ein urchristlicher und wichtiger Dienst ist, der Spuren hinterlässt und von den Menschen sehr wertgeschätzt wird. Erschwerend kommt in ländlichen Regionen der Personalmangel hinzu, der die Besetzung von Stellen erschwert. Es gibt eine Tendenz, Krankenhäuser stärker in die Pflicht zur Refinanzierung der Seelsorger:innen-Stellen zu nehmen, was jedoch im Gesundheitssystem kompliziert ist.

Weihnachtsdeko all über all

Die Stadt Kiel gestaltete schon zum 1. November und damit lange vor dem Totensonntag, ihr „Lichtermeer“ mit weihnachtlich anmutenden Figuren. Kurt-Helmuth Eimuth hatte dies in den sozialen Medien kritisiert und erntete Kommentare, die zeigen, dass selbst über die Bedeutung von Festen kein Konsens mehr erzielt werden kann. „Man kann doch Weihnachtsdeko aufstellen, wann man möchte“ oder „Jeder soll selbst entscheiden, wann er schmücken möchte“, sind beispielhafte Kommentare. Konsequent ist da nur, dass an vielen Orten die Weihnachtsmärkte vor dem Totensonntag öffnen. Conny&Kurt meinen in ihrem Podcast, hier geht etwas verloren, das für den Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig ist.

Wohnungsnot in Deutschland: Luxus trifft Leerstand

Trotz anhaltender Wohnungsnot in Deutschland stehen fast 2 Millionen Wohnungen leer (etwa 5% des Bestandes), oft Luxuswohnungen oder solche an Standorten, wo keiner hin will. Der durchschnittliche Wohnraum pro Person liegt inzwischen bei annähernd 50 m², was den Markt zusätzlich verknappt, stellen Conny&Kurt in ihrem Podcast fest. Viele Ältere wohnen zudem in großen Häusern, nutzen den ersten Stock teils nicht mehr, wollen aber nicht vermieten, was als „ziemlich großer Luxus“ betrachtet wird. Zur Linderung der Situation fordern Experten, den ländlichen Raum attraktiver zu machen, um die Verteilung zu verbessern. Außerdem sollten die alten, eingesessenen Wohnungsbaugenossenschaften gestärkt werden. Hier sind auch Alternativmodelle längst gebaut und erprobt. Die Wohnungsfrage hat eine soziale Sprengkraft, die nicht zu unterschätzen sei, so die beiden Podcaster.