
In den Kasernen der Bundeswehr herrscht derzeit eine neue Ernsthaftigkeit. Der russische Angriff auf die Ukraine markiert nicht nur politisch, sondern auch seelsorgerlich eine fundamentale „Zeitenwende“, wie Militärbischof Bernhard Felmberg betont. Während die vergangenen Jahrzehnte vom internationalen Krisenmanagement in Ländern wie Afghanistan oder Mali geprägt waren, rückt nun die Landes- und Bündnisverteidigung in den Fokus – eine Aufgabe, die Soldaten und deren Familien in neuer „Qualität und Quantität“ belastet.
Felmberg begegnet dieser Herausforderung mit einer nüchternen Logik, die er als „Mathematik statt großer Theologie“ bezeichnet. Wenn die Bundeswehr auf über 200.000 Soldaten anwachse, müsse die Präsenz von Seelsorger: innen, Psychologen und Betreuungseinrichtungen proportional steigen, um die gewohnte Qualität der Begleitung zu gewährleisten. Erstaunlicherweise leidet die Militärseelsorge, anders als viele Landeskirchen, kaum unter Personalmangel. Die Attraktivität des Dienstes liegt für viele Geistliche im Fokus auf das Wesentliche: Verkündigung, Seelsorge und Unterricht stehen im Vordergrund, während administrative Lasten wie die Verwaltung von Friedhöfen oder Kindergärten entfallen.
Die Akzeptanz in der Truppe ist mit 96 Prozent bemerkenswert hoch, unabhängig von der konfessionellen Bindung. Während die Kirchen im zivilen Bereich mit massiven Austritten kämpfen, bleibt die Bindung unter Soldaten stabil. Zudem wird die Expertise der Militärgeistlichen im Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen und „moral injuries“ zunehmend von zivilen Gemeinden nachgefragt. Die Mauer zwischen Kaserne und Gesellschaft scheint angesichts der neuen Bedrohungslage wieder durchlässiger zu werden.
Zur Person:
Dr. Bernhard Felmberg: Evangelischer Bischof für die Seelsorge in der Bundeswehr
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Mitglied im Deutschen Ethikrat.