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Vom Weinen zum Werden: Die österliche Dialektik der Krise

In einer Zeit, die von multiplen globalen Erschütterungen geprägt ist, gewinnt das christliche Osterfest eine neue, fast säkulare Dringlichkeit als Chiffre für gesellschaftliche und persönliche Transformationsprozesse. Wie aus einem Gespräch zwischen Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth in ihrem Podcast hervorgeht, ist die Osterbotschaft untrennbar mit dem Konzept des Neuanfangs aus der tiefsten Krise heraus verbunden.

Bereits die Etymologie des Gründonnerstags verweist auf diesen schmerzvollen Ursprung: Der Name leite sich nicht von der Farbe Grün ab, sondern vom althochdeutschen „kreinen“, dem Weinen über den bevorstehenden Kreuzigungstod Jesu. Dieser Fokus auf das Leid ist jedoch kein Selbstzweck. Vielmehr stecke, frei nach Hermann Hesse, in jedem Ende das Geheimnis eines Neuanfangs. Während Veränderungen in Phasen des Glücks selten initiiert werden, fungiere die Krise als notwendiger Katalysator für lebensverändernde Entwicklungen.

Diese theologische Beobachtung lässt sich bruchlos auf die aktuelle Weltlage übertragen. Die gegenwärtige Energiekrise – verschärft durch die Abhängigkeit von Drittstaaten – wird als ein solcher „Verstärkereffekt“ begriffen, der die Transformation zu erneuerbaren Energien beschleunigen könnte. Ähnlich wie die Corona-Pandemie etablierte Prozesse aufbrach, zwingt die Ressourcenknappheit nun zu einer politischen Neuausrichtung, die auch unpopuläre Debatten um Tempolimits oder die Suffizienz im Alltag, metaphorisch als „Waschlappen-Diskussion“ bezeichnet, neu entfacht.

Besonders eindringlich wird die Auseinandersetzung dort, wo sie die Grenze des Physischen berührt. Der Tod des eigenen Bruders dient Conny als Ausgangspunkt für eine Kritik an der modernen Apparatemedizin, die am Lebensende oft die Würde des Individuums hinter lebensrettende Maßnahmen zurückstelle. Dem entgegengesetzt wird die religiöse Hoffnung auf ein Fortbestehen der Existenz, ein „anderes Dasein“. Ob man dabei das Bild der 26 Gramm schweren Seele bemüht oder das ewige Leben als Fortwirken in der Erinnerung der Nachkommen begreift, bleibt eine individuelle Entscheidung.

Letztlich leistet die Religion hier, was humanistische Ansätze nur bedingt vermögen: Sie bietet eine Antwort auf die finale Frage nach dem „Wohin“. Das Osterfest wird so zu einem Plädoyer für eine Hoffnung, die den Menschen nicht einengt, sondern ihn, wie es im Gespräch resümiert wird, „zum Leben befreit“. In einer Welt der Bedrohungen bleibt diese Befreiung die zentrale Verheißung der Feiertage.

Intergenerativer Audiowalk: Kinder und Senioren sprechen über den Tod

Der wöchentliche Podcast Conny&Kurt dreht sich diesmal um ein einzigartiges Audiowalk-Projekt des Künstlers Kai Fischer, das Kinder und Senioren zum Thema Tod und Leben miteinander ins Gespräch bringt. Das Projekt beinhaltet intergenerationelle Workshops und Interviews, deren gesammelte Audioschnipsel über QR-Codes auf einem Friedhof abgerufen werden können. Ziel ist es, verschiedene Perspektiven auf das Sterben zu ermöglichen und Ängste abzubauen, indem der Friedhof als Ort des Nachdenkens und der Begegnung neu belebt wird.

Der Hamburger Künstler Kai Fischer hat ein einzigartiges Projekt realisiert: einen intergenerativen Audiowalk, der Kinder und Senioren zum offenen Dialog über Leben und Tod anregt. Die besonderen Audioinhalte, abrufbar via QR-Codes auf dem Friedhof Bargtehheide, laden Besucher:innen ein, sich während eines Spaziergangs mit existentiellen Fragen auseinanderzusetzen. Fischer, ein erfahrener Kindertheatermacher, identifiziert den Tod als spannendes Thema an der Schnittstelle von Kinder- und Erwachsenenwelten. Während Kinder den eigenen Tod kaum imaginieren und sich eher um den Verlust von Familienmitgliedern sorgen, reflektieren Senioren tiefer über das eigene Sterben.

Die Projektentwicklung begann mit vorbereitenden Workshops in der Schulklasse der Stufe 2 und Seniorengruppen mit theater-pädagogischen Methoden. So wurde etwa die gemeinsame Beerdigung eines Schmetterlings genutzt, um das Thema spielerisch zugänglich zu machen. Diese interaktiven Ansätze förderten den Austausch und führten zu teils humorvollen Antworten auf Fragen wie „Was möchtest du in den Himmel mitnehmen?“ – Kinder wählten bunte Pferde, Senioren Fotoalben.

Basierend auf Einzelinterviews entstand eine Audiospur mit zehn zentralen Fragen, darunter „Wie stellst du dir den Himmel vor?“ oder „Hast du Angst vor dem Tod?“. Dieses multiperspektivische Audioformat, obwohl online verfügbar, entfaltet seine größte Wirkung beim Hören auf dem Friedhof, da die Umgebung die Reflexion über die Inhalte intensiviert.

Interessant waren die sich überschneidenden, aber auch konträren Ansichten. Kinder hatten oft ein klares, medial geprägtes Himmelsbild, während Senioren dies meist ablehnten, aber dennoch an eine Seele oder ein „Weitergehen“ nach dem Tod glaubten. Tröstliche Himmelsvorstellungen gaben Kindern Geborgenheit und nahmen die Angst.

Trotz der Relevanz des Themas gab es Vorbehalte bei einigen Eltern, die ihre Kinder nicht mitmachen ließen. Fischer betont jedoch die Notwendigkeit, Kinder mit dem Tod nicht allein zu lassen, gerade angesichts globaler Ereignisse. Das Projekt, das in zwei Monaten rund 200 Abrufe verzeichnete, wird von der Friedhofsverwaltung positiv aufgenommen, da es Friedhöfe als Orte der Ruhe und Begegnung neu belebt. Das Projekt unterstreicht den Wert des offenen intergenerativen Dialogs über den Tod.

Trauerredner:innen gefragt

Kommenden Sonntag ist Ewigkeitssonntag oder wie er im Volksmund genannt wird, Totensonntag. Glauben die Menschen noch an ein Leben nach dem Tod? Nur noch jede:r Zweite wird in den Städten christlich beerdigt. Die andere Hälfte greift meist auf die Dienste der Trauerredner:innen zurück. Conny&Kurt sprachen mit einer. Die Vorbereitung, die Ansprache, die Begleitung der Trauernden unterscheidet sich eben nur in einem von einer evangelischen oder katholischen Beerdigung: Der Trost auf ein Ewigen Lebens fehlt. „Ich frage die Leute, ob sie an Gott glauben“, erzählt Kristin Holighaus. „Manche haben Yoga gemacht, sich mit fernöstlichen Religionen beschäftigt. Dann kommt so ein Mischmasch, den sie Spirituelles nennen“, berichtet die Trauerrednerin, die als Pfarrerstochter gut ihre Kirche kennt. Andere wieder sagen: „Wenn‘s rum ist, ist‘s rum.“ Als Trauerrednerin vermittelt sie die Hoffnung, dass die Liebe bleibt. Ganz wichtig ist für Kristin Holighaus, dass jeder Mensch unterschiedliche Spuren hinterlässt. Er sollte auch so dargestellt werden wie er ist: „Die Trauerfeier ist kein Gerichtssaal und kein Kosmetiksalon“. Warum die Menschen lieber zu ihr als zu einem Geistlichen kommen? „Das ist das Ende eines langen Prozesses. Die Menschen haben die Bindung zur Kirche verloren.“ So der ernüchternde Befund.