Archiv für den Monat: August 2026

Islamismus: Zwischen Bedrohung und Zuschreibung. Die verhinderte Normalität.

In der deutschen Debatte über den Islamismus offenbart sich eine folgenschwere Unschärfe, die den gesellschaftlichen Frieden empfindlich stört. Im Podcast Conny&Kurt diskutieren der Islambeauftragte der Nordkiche Pastor Dr. Sönke Lorberg-Fehring und Matthias Schmidt, Religions- und Islamwissenschaftler, vom Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland. Matthias Schmidt ist seit 2015 in der Prävention gegen religiös begründeten Extremismus tätig.

Während Sicherheitsbehörden unter dem Begriff oft ein undifferenziertes Spektrum zusammenfassen, fordert die Praxis der Extremismusprävention eine präzise Trennung zwischen demokratiefeindlichen Haltungen und akuter Gewaltbereitschaft. Die politische Neigung, komplexe Radikalisierungsprozesse – die empirisch hochgradig individuell und multifaktoriell verlaufen – auf simple Schablonen zu reduzieren, verstellt den Blick auf die eigentliche Dynamik.

Dabei gerät eine entscheidende Absicht des terroristischen Kalküls in Vergessenheit: die bewusste Beseitigung der gesellschaftlichen Grauzone. Organisationen wie der IS zielen programmatisch darauf ab, das Leben für Muslime im Westen durch polarisierende Stimmungen unerträglich zu machen, um sie in existenzielle Loyalitätskonflikte zu zwingen. Tragischerweise greift der hiesige Diskurs diese Dynamik oft auf, wodurch die Spaltung weiter vertieft wird. Statt Terrorismus als universelle Bedrohung für alle Bürger zu begreifen, werden Muslime unter Generalverdacht gestellt und nach Anschlägen in kollektive Rechtfertigungszwänge genommen. Diese Pauschalisierung reicht bis in die parlamentarische Mitte: Wenn politische Konzepte reflexhaft die Ausweisung ausländischer Gefährder fordern, ignoriert dies die Realität, dass jüngste Täter oft deutsche Jugendliche waren.

Besonders schmerzhaft wirkt diese Ausgrenzung auf junge Muslime, deren Identität im Alltag ständig problematisiert und auf ihre Religion reduziert wird. Deutschland versäumt es, eine integrative Identifikationsfläche anzubieten, wie sie etwa das britische Modell kennt. Stattdessen wird ihnen die Zugehörigkeit verwehrt, selbst wenn sie einen lokalen Patriotismus entwickeln und sich stolz etwa als Hamburger begreifen.

Die politische Konsequenz ist paradox: Erfolgreiche Präventionsprojekte, die von muslimischen Gemeinden selbst getragen werden, stehen vor dem finanziellen Aus. Anstatt Muslime als Teil der Lösung einzubinden, werden sie politisch zum Teil des Problems erklärt, was intrinsisch motivierte Akteure in den Rückzug treibt. Ein echter Dialog, der den Islam nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung versteht, setzt voraus, den eigenen Rassismus zu reflektieren und echtes voneinander Lernen zuzulassen.

Zwischen Glaube und Growls: Kirchliche Seelsorge auf Heavy-Metal-Festivals

Während die evangelischen Landeskirchen bundesweit unter erheblichem Spardruck stehen, sucht die „Junge Nordkirche“ die Konfrontation mit der profanen Welt dort, wo sie am lautesten ist. Katharina Schunck, Jugendpastorin der Nordkirche, leitet die Festivalseelsorge auf Großveranstaltungen wie dem „Wacken Open Air“ und dem „Baltic Open Air“. In einer Umgebung, die traditionell eher mit satanischer Symbolik als mit christlicher Nächstenliebe assoziiert wird, leisten multiprofessionelle Teams psychosoziale Unterstützung, berichtet die Theologin im Podcast Conny&Kurt.

Das Aufgabengebiet ist dabei so vielfältig wie das Publikum. In Wacken, das mit 85.000 verkauften Tickets und einer altersübergreifenden „Mehrgenerationen-Struktur“ eine logistische Herausforderung darstellt, begegnet das Team auch Besuchern mit klinischen Vorbelastungen,. Laut Schunk ist hier das „Verbalisieren von psychischen Vorerkrankungen“ besonders ausgeprägt; viele Hilfesuchende kennen das Angebot seit Jahren und suchen gezielt Stabilisierung. Auf dem kleineren „Baltic Open Air“, das eher der Deutsch-Mittelalter-Rock-Szene zuzuordnen ist, dominiert hingegen die niedrigschwellige Beratung. Oft fungiert Alkohol als emotionaler Verstärker, der verdrängten Alltagsballast an die Oberfläche spült.

Theologisch bewegt sich die Arbeit in einem Spannungsfeld. Schunck betont, dass es nicht um missionarischen Eifer gehe. Vielmehr wolle man „dicht an den Menschen sein“ und einen „Safer Space“ bieten, gerade für Personen, die im kirchlichen Kontext Verletzungen oder Traumata erfahren haben. Die pastorale Leitung nutzt dabei eine bewusste Umdeutung der Genre-Symbolik: Die „kleinen Dämonen“, die den Seelsorge-Bus zieren, stehen sinnbildlich für die persönlichen psychischen Lasten, die die Besucher mit sich tragen.

Die Präsenz der Kirche auf dem „Heiligen Acker“ von Wacken ist dabei kein einseitiges Drängen der Geistlichkeit, sondern geht auf eine explizite Initiative der Festivalveranstalter aus dem Jahr 2010 zurück. Heute umfasst das Team neben Pastoren auch Psychotherapeuten, Diakone und Psychiater, die im Mehrschichtbetrieb agieren. Trotz kirchlicher Sparzwänge verteidigt Schunck das Engagement als Kernauftrag: In der bedingungslosen Begleitung in Krisenmomenten werde der Wert kirchlicher Arbeit auch ohne Talar oder Kollarhemd für eine kirchenferne Zielgruppe unmittelbar erfahrbar.

Hitzewellen in Deutschland: Eine schleichende Gefahr mit wenig politischen Nachhall

„Wenn Du hier wärest, würdest du die Hitze hören: Es singt kein Vogel mehr.“ Dies schrieb mir ein Freund aus Frankfurt, einem Hotspot der Hitzewellen. Der Rhein ist zum Rinnsal verkümmert. Bei einem Pegelstand von teils nur 18 Zentimetern in der Fahrrinne kommt der Schiffsverkehr am Mittelrhein faktisch zum Erliegen. Was wie ein lokales Wetterphänomen wirkt, ist Teil einer umfassenden Klimakrise, die Deutschland zunehmend unvorbereitet trifft. Während im Norden noch gelegentlich Regen fällt, leidet besonders das Rhein-Main-Gebiet unter Rekordtemperaturen und ausbleibender nächtlicher Abkühlung. Doch der Aufschrei fehlt, stellen Conny&Kurt in ihrem Podcast fest. Man stelle sich nur vor, es hätte 12.000 Tote bei einer Überschwemmungskatastrophe gegeben. Da würde alles mobilisiert. Die Medien würden pausenlos berichten, die Politik wäre vor Ort, Geld würde versprochen und die Bundeswehr wäre im Einsatz. Doch 12.000 Hitzetote sind nur eine kurze Nachricht wert. Im Gegensatz zu plötzlichen Flutkatastrophen wird die Hitze oft als individuelles Schicksal oder gar als angenehmes „Sommerwetter“ missverstanden.

Die ökologischen Folgen sind dramatisch: Im Frankfurter Stadtwald gelten über 90 Prozent der Bäume als krank. Auch der Artenschwund ist für den Bürger im Alltag greifbar – das massive Insektensterben zeigt sich an beinahe sauberen Windschutzscheiben nach langen Autobahnfahrten und dem Verstummen von Hummeln in den Gärten. Doch trotz einer geschätzten Übersterblichkeit von etwa 12.000 Hitzetoten bleibt der große gesellschaftliche Aufschrei bislang aus. I

Städtebaulich besteht dringender Handlungsbedarf. Experten fordern die konsequente Umsetzung von „Schwammstädten“, Fassadendämmung und massive Begrünungsmaßnahmen, um urbane Hitzeinseln wie Frankfurt, in denen die Luft buchstäblich steht, zu entlasten. Ein wesentliches Hindernis bleibt die Energiefrage: Der wachsende Ruf nach Klimaanlagen kollidiert mit dem immensen Strombedarf von Rechenzentren, während der Netzausbau für erneuerbare Energien von der Küste in den Süden stockt. Die Politik steht vor der Herausforderung, nicht länger nur die Wirtschaft kurzfristig zu priorisieren, sondern die rasant steigenden Kosten für künftige Klimareparaturen durch sofortiges, strukturelles Handeln zu begrenzen.

Die soziale Spaltung Deutschlands ist eine Gefahr für die Demokratie

In der wohlhabenden Metropole Hamburg lebt fast jeder fünfte Bürger in Armut – ein Zustand, den Paul Grabbe von der Diakonie Hamburg im Podcast Conny&Kurt als „unwürdig“ für die Gesellschaft bezeichnet. Während die Politik Rekordhaushalte verabschiedet, offenbart sich in der sozialen Sicherung ein eklatantes Verteilungsproblem.

Grabbe warnt, dass der wachsende Unmut und das Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Während die Lobby der Armen gegenüber mächtigen Wirtschaftsverbänden kaum Gehör finde, besetzt der Rechtspopulismus das Vakuum. Die AfD nutze die soziale Vernachlässigung und den Abbau öffentlicher Infrastruktur gezielt für ihre Narrative aus. Ohne eine fundamentale Kehrtwende hin zu einer gerechten Vermögensverteilung und einer effektiven sozialen Lobbyarbeit drohe die gesellschaftliche Spaltung unumkehrbar zu werden.

Anstatt den Reichtum durch höhere Steuern auf Vermögen zur Armutsbekämpfung heranzuziehen, zielen aktuelle Reformen der Grundsicherung darauf ab, die Schwächsten mit schärferen Vorgaben und Kürzungen, etwa bei der Mobilität, zu belasten.

Die Realität der Betroffenen ist von Mangel geprägt: Die Regelsätze von rund 536 Euro reichen kaum aus, um steigende Strompreise und die Inflation abzufedern. In Hamburg muss zudem ein Drittel der Leistungsbezieher Teile dieses Existenzminimums für die Miete aufwenden, da die staatlichen Kostensätze nicht mit dem Wohnungsmarkt schritthalten. Wer Hilfe sucht, gerät oft in eine Bürokratiefalle. Ein Leistungsantrag gleiche mittlerweile einem „Vollzeitjob“, bei dem Unterlagen mehrfach eingereicht werden müssen und das Vertrauen in den Sozialstaat durch mangelnde Transparenz erodiert.

Diese strukturelle Ohnmacht hat politische Folgen. Grabbe warnt, dass der wachsende Unmut und das Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Während die Lobby der Armen gegenüber mächtigen Wirtschaftsverbänden kaum Gehör findet, besetzt der Rechtspopulismus das Vakuum. Die AfD nutze die soziale Vernachlässigung und den Abbau öffentlicher Infrastruktur gezielt für ihre Narrative aus. Ohne eine fundamentale Kehrtwende hin zu einer gerechten Vermögensverteilung und einer effektiven sozialen Lobbyarbeit droht die gesellschaftliche Spaltung unumkehrbar zu werden.

https://youtu.be/zgq9EYe7Yao