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Das postpatriarchale Chaos der Piraten überwinden

In einer Zeit, in der politische Autokraten weltweit an Boden gewinnen, wird in Debatten oft vor einer „Rückkehr des Patriarchats“ gewarnt. Doch die feministische Publizistin Antje Schrupp widerspricht im Podcast Conny&Kurt dieser Diagnose entschieden. In Hamburg skizzierte sie jüngst ihre These vom „postpatriarchalen Chaos“ als treffendere Beschreibung der Weltlage. Das klassische Patriarchat, so Schrupp, sei eine Ordnung gewesen, die zwar auf männlicher Überlegenheit fußte, aber festen Regeln, moralischen Autoritäten und „heiligen Büchern“ wie der Bibel oder dem Koran folgte.

Heute jedoch beobachte man eine Form der „männlichen Dominanz, die auf diese Werte auch nichts mehr gibt“. Schrupp zieht einen scharfen Trennstrich zwischen der alten Ordnung und der Gegenwart: Akteure wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Viktor Orbán seien keine Patriarchen im traditionellen Sinne, sondern „Piraten“, denen es vornehmlich um Selbstbereicherung und regellose Machtausübung gehe. Diese Entwicklung als bloße Restauration alter Verhältnisse zu beschreiben, verharmlose die neue Gefährlichkeit: „Wenn man die als Patriarchat oder als Rückkehr des Patriarchats beschreibt, dann hat man sie eigentlich verharmlost“.

Die Hoffnung der Autorin speist sich aus der Überzeugung, dass die Errungenschaften des Feminismus tief im Selbstbewusstsein der Frauen verankert und damit irreversibel seien. Selbst reaktionäre Phänomene wie die sogenannten „TradWives“ müssten sich heute einer „emanzipatorischen Rhetorik“ bedienen und ihre Lebensentwürfe als „freie Entscheidung“ legitimieren. Wo früher Gehorsam vorausgesetzt wurde, herrsche heute ein Bewusstsein vom eigenen Wert, hinter das man nicht mehr zurückkomme. Dass Regime wie im Iran mit „brutaler Gewalt“ gegen Frauen vorgehen, wertet Schrupp nicht als Zeichen patriarchaler Stärke, sondern als Beleg für die Schwäche einer sterbenden Ordnung, die nur noch durch Gewalt antworten kann, weil Frauen „nicht freiwillig in die zweite Reihe gehen“.

Kritisch bleibt ihr Blick auf Institutionen wie die evangelische Kirche, in deren Vorstand der „Evangelischen Frauen in Deutschland“ sie selbst aktiv ist. Diese geriere sich zwar als geschlechtergerecht, bleibe jedoch in ihrer „männlich gewachsenen Kultur“ verhaftet und agiere lediglich „pseudoneutral“. Es reiche nicht aus, dass Frauen nun „mitmachen“ dürften; oft verändere das Amt die Frauen stärker als die Frauen das Amt. Schrupps Fazit ist ein Aufruf zur konsequenten, autonomen Einflussnahme: Frauen sollten nicht länger auf „Applaus von den Männern“ warten, sondern ihre Machträume nutzen und den Mut aufbringen, „Konflikte einzugehen“. Es gehe nun darum, die Institutionen von Grund auf feministisch zu gestalten, statt sich lediglich an bestehende, männliche Rhythmen anzupassen.

Differenzfeminismus und die Fragilität der Demokratie:

Antje Schrupp erhält Luise-Büchner-Preis

In ihrem neuen Buch „Unter allen Umständen frei“ stellt Antje Schrupp drei revolutionäre Feministinnen vor, die zwischen 1870 und 1920 aktiv waren. Ein roter Faden durch das Werk ist die Figur Anthony Comstocks, eines ehemaligen Postinspektors, der sich im frühen 20. Jahrhundert der Bekämpfung von freier Liebe, Pornografie, Empfängnisverhütung, Abtreibung und geschlechtlicher Vielfalt verschrieben hatte. Comstocks Gesetze gegen den Versand „obszönen Materials“ seien heute noch in Kraft und würden in der Trump-Administration reaktiviert, um beispielsweise den Versand von Abtreibungsmedikamenten zu verhindern. Dies zeige exemplarisch, wie gesellschaftliche Errungenschaften, die als selbstverständlich galten, schnell wieder außer Kraft gesetzt werden können.

Die drei von Schrupp porträtierten Feministinnen – Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman – vertraten sehr unterschiedliche Ansichten. Während Woodhull, die erste Präsidentschaftskandidatin, sich für das Wahlrecht einsetzte, kritisierten Parsons (eine aus der Sklaverei befreite Anarchistin) und Goldman (eine bekannte Anarchistin) das Wahlrecht scharf. Sie argumentierten, es sei nutzlos, solange die Gesellschaft durch Armut, Rassismus und Ausbeutung ungerecht bleibe und diene letztlich nur dazu, Unterdrückung zu legitimieren.

Die Luise Büchner-Gesellschaft „zeichnet mit dem Luise-Büchner-Preis 2025 eine engagierte Publizistin aus, die sich für das Begehren der Frauen einsetzt, historische Bezüge erläutert und zu aktuellen Themen klar Stellung bezieht.“, so die Begründung der Jury. Es wird hervorgehoben, dass für sie nicht die Gemeinsamkeit von Frauen, sondern gerade deren Verschiedenheit entscheidend ist. Sie versteht Feminismus nicht als Durchsetzung von „Fraueninteressen“, sondern als Plattform, um die vielfältigen und oft kontroversen Themen, die Frauen untereinander diskutieren, in den gesellschaftlichen Mittelpunkt zu rücken und ihnen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Feminismus sei nach Schrupps Überzeugung selbstverständlich weiterhin notwendig. Gleichberechtigung allein reiche nicht aus, da sie „kein Naturgesetz“ sei und schnell wieder verloren gehen könne, wie die aktuellen Entwicklungen in den USA zeigen. Es bedürfe eines kulturellen Wandels und einer Autorität für Frauen in dem, was sie sagen – etwas, das noch lange nicht gegeben sei. Auch in emanzipierten Gesellschaften gebe es noch offene Baustellen, wie das Abtreibungsverbot in einigen Ländern oder die ungeregelte Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen unbezahlt geleistet wird und in der Volkswirtschaft kaum Berücksichtigung findet. Diese unbezahlte Arbeit sei jedoch fundamental für das Funktionieren der Gesellschaft und Wirtschaft.

Schrupp zieht Parallelen zwischen diesem „Goldenen Zeitalter“ vor dem Ersten Weltkrieg in den USA und der heutigen Situation. Damals wie heute seien ungezügelter Kapitalismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit prägend gewesen. Die Geschichte der sozialen Kämpfe in dieser Zeit sei nicht von stetigem Fortschritt geprägt gewesen, sondern von einem permanent schlechter werdenden Zustand, gegen den die Menschen ankämpfen mussten. Die Autorin warnt davor, die Nachhaltigkeit unserer Demokratie zu überschätzen und sich auf formale Gleichheit zu verlassen. Die zunehmende politische Macht sehr reicher Individuen und globalisierter Unternehmen in den USA erinnere an die „Trusts“ der damaligen Zeit und stelle die Neutralität des Staates in Frage.

Angesichts der systematisch geplanten „Kulturrevolution“ in den USA und des Erstarkens antifeministischer und antidemokratischer Bewegungen weltweit – von Russland über die Türkei bis hin zu nationalistischen Tendenzen in Europa – sei die Frage berechtigt, ob wir „ein bisschen zu wenig revolutionär“ gewesen seien. Die These, dass das, was Frauen in den letzten 100 Jahren ins Rollen gebracht haben, nicht mehr zurückzudrehen sei, teilt Schrupp zwar im Grundsatz, jedoch warnt sie vor Selbstzufriedenheit. Das Vertrauen in einen neutralen und gerechten Staat stehe auf dem Prüfstand, insbesondere wenn sich der Kipppunkt der Funktionsfähigkeit staatlicher Strukturen in Ländern wie den USA bereits überschritten zu haben scheint.

Die Preisverleihung des Luise-Büchner-Preises an Anti Schrup findet am 23. November um 11 Uhr in der Orangerie Darmstadt statt.

Zur Person:
Dr. Antje Schrupp: Die 1964 in Weilburg promovierte im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in Frankfurt mit einer Arbeit zur weiblichen politischen Ideengeschichte, übernahm 2001 kommissarisch die Leitung der Evangelischen Öffentlichkeitsarbeit, war Redakteurin
der Zeitung „Frauen unterwegs“ und Mitbegründerin des Online-Forums „Beziehungsweise weiterdenken“. Antje Schrupp lebt in Frankfurt. Sie schreibt Bücher, Essays und Radiobeiträge, sie ist Bloggerin und veröffentlicht ihre Artikel in der Taz, Zeit-Online, Deutschlandfunk Kultur und vielen anderen Medien. Zuletzt sind ihre Bücher „Reproduktive Freiheit. Eine feministische Ethik der Fortpflanzung“ (2022) im Unrast Verlag erschienen, „Schwangerwerdenkönnen. Essay über Körper, Geschlecht und Politik“ (2019) im Ulrike Helmer Verlag. Weitere Titel sind u.a. „Was wäre wenn? Über das Begehren und die Bedingungen weiblicher Freiheit“ und „Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels“.