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Das Ende eines publizistischen Experiments: Das „Evangelische Frankfurt“

Foto: Rolf Oeser

Es war ein im deutschen Protestantismus einmaliges Unternehmen, als der Evangelische Regionalverband Frankfurt 1976 eine eigene Mitgliederzeitung ins Leben rief. Unter dem Titel „Evangelisches Frankfurt“ sollte fortan achtmal im Jahr ein periodisches Druckwerk per Post in den Haushalten der Gemeindemitglieder landen. Hinter der Gründung stand die Einsicht, dass die bürgerliche Tagespresse kirchliche Themen nur unzureichend abbildete, während herkömmliche Gemeindeblätter kaum über eigene Kirchturmgrenzen hinausreichten. Dies berichtet im Podcast Conny&Kurt der damalige Verwaltungsdirektor Jürgen Telschow, der damals die Zeitung mit aus der Taufe gehoben hat.

Möglich wurde das Großprojekt durch einen im kirchlichen Raum seltenen Pioniergeist: Bereits um 1970 hatte die Frankfurter Verwaltung die elektronische Datenverarbeitung eingeführt. Dies erlaubte es, bei damals rund 300.000 Kirchenmitgliedern eine gewaltige Startauflage von über 100.000 Exemplaren adressgenau zu steuern. Die wissenschaftliche Folie lieferte die Studie „Wie stabil ist die Kirche“, die eine wachsende Distanzierung an den Rändern der Institution offenlegte. Die Zeitung sollte genau diesen „Wackelkandidaten“ als Bindeglied dienen.

Inhaltlich begründete das Blatt seinen Erfolg in einer konsequenten journalistischen Unabhängigkeit. Statt defensiver Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, verpflichtete man professionelle Journalisten – darunter Harald Stenger von der Frankfurter Rundschau. Der damalige Verwaltungsdirektor, ursprünglich als „Aufpasser“ vom Vorstand entsandt, entwickelte sich rasch zum Schutzschirm für die Redaktion. Das Blatt setzte Akzente in der Frankfurter Stadtentwicklung, nahm Stellung zu gesellschaftlichen Debatten und griff ökumenische Initiativen auf, etwa die Hilfstransporte nach Polen ab 1981 sowie Partnerschaften mit Birmingham, Mailand und Lyon, so Telschow (90) im Rückblick.

Nach nahezu fünf Jahrzehnten geht diese Epoche nun zu Ende. Die Feier zum 50-jährigen Bestehen des Blattes – zuletzt geführt als „Evangelisch Frankfurt Offenbach“ – ist zugleich seine Einstellung. Finanzielle Sachzwänge und der mediale Strukturwandel zwingen zum Rückzug aus dem Druckbereich. Während der digitale Wandel voranschreitet, bleibt offen, wie die Bindung jener älteren Generation erhalten bleibt, für die das gedruckte Wort die zentrale Brücke zur Gemeinschaft war und ist.

Zur Person: Von 1966 bis 2001 als Justitiar, Leiter der Verwaltung und hauptamtliches Vorstandsmitglied beim Evangelischen Regionalverband Frankfurt am Main (vormals Evangelischer Gemeindeverband) tätig. Oberkirchenrat. Vielfältige nebenamtliche und ehrenamtliche Tätigkeiten in Kirche und Diakonie, u.a. viele Jahre Vorsitzender der Redaktion der Mitgliederzeitschrift „Evangelisches Frankfurt“. Engagement für die Frankfurter Kirchengeschichte und seit Mitte der siebziger Jahre für die Versöhnung von Polen und Deutschen. Interesse für die Familiengeschichte. Langjährige ehrenamtliche Tätigkeiten.Von 1977 bis 2014 im Vorstand von „Zeichen der Hoffnung – Znaki nadziei“. Der 1977 gegründete Verein engagiert sich seitdem für eine bessere Zukunft von Polen und Deutschen durch mateielle Unterstützung von ehemaligen Häftlingen deutscher Konzentrationslager, Begegnungs- undEerholungsreisen für diesen Personenkreis, Studienreisen nach Polen sowie Austellungen und andere Veranstaltungen. Von 1988 bis 2024 im Vorstand des „Evangelisch-lutherischen Predigerministeriums Frankfurt am Main“, des Frankfurter Kirchengeschichtsvereins. Von 1990 bis 2010 in Vorstand und Aufsichtsrat der „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung – Fundacja Krzyzowa dla Porozumienia Europejskiego“, die in Krzyzow/Kreisau den ehemaligen Gutshof der Familie von Moltke zu einer Internationalen Begegnungstätte wiederaufgebaut hat.

Mehr zu den Hintergründen im Interview mit Antje Schrupp https://www.efo-magazin.de/magazin/frankfurt-lokal/reformprozesse-in-der-kirche-haette-es-schon-1995-geben-muessen/