Archiv für den Monat: September 2026

Der AfD-Erfolg bedroht auch die Kirchen

Die AfD fordert in ihren Programmen erhebliche Einschränkungen der kirchlichen Finanzierung, darunter die Abschaffung der Kirchensteuer sowie das Ende staatlicher Ablösungsleistungen. Zugleich versucht die Partei, ein eigenes religiöses Profil aufzubauen: Während Kirchenvertreter von Akteuren der AfD als „Staatskirche“ diffamiert werden, inszenieren sich Vertreter des Rechtspopulismus im Schulterschluss mit pietistischen Gruppierungen als die eigentlichen Verwahrer christlicher Werte. So die Analyse im Podcast Conny&Kurt.

Den Versuchen der Vereinnahmung setzen Vertreter der evangelischen Kirche eine deutliche Abgrenzung entgegen. So haben sich etwa die vier Vorstände des größten diakonischen Gesundheitskonzerns in Deutschland Agaplesion an alle der rund 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem offenen Brief gewandt: „Wir wissen, dass die Ergebnisse der Wahl Sorgen und Unsicherheit auslösen. Vor allem Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder anderer persönlicher Merkmale Ausgrenzung oder Benachteiligung erfahren oder befürchten, können sich von den aktuellen Entwicklungen besonders betroffen fühlen. Hier möchten wir ein deutliches Zeichen setzen.“ Man wolle „jedweder Form von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Menschenfeindlichkeit entschieden entgegentreten“.

Es reiche jedoch nicht aus, sich lediglich an der AfD abzuarbeiten. Vielmehr gelte es, aktiv für demokratische Werte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzustehen, meinen auch Conny von Schumann und Kuert-Helmuth Eimuth in ihrem Podcast. Der evangelische Landesbischof von Sachsen-Anhalt, Friedrich Kramer, stellte klar: „Gemeinsam mit allen engagierten Bürgerinnen und Bürgern werden wir uns weiterhin für die Menschenwürde jedes einzelnen Menschen einsetzen, für Nächstenliebe und für ein solidarisches Miteinander.“

Neben der kirchlichen Debatte treten sozioökonomische Faktoren deutlich hervor. Viele Bürger in Ostdeutschland fühlen sich von der Politik isoliert und im Stich gelassen. Erschwerend kommt hinzu, dass im Osten seltener Betriebsrenten gezahlt werden und Erbschaften geringer ausfallen als im Westen. Um den gesellschaftlichen Fliehkräften entgegenzuwirken, fordern Kirchengemeinden positive Reformerzählungen statt verkürzter Debatten und Einsparungstiraden.

Die jüngsten Wahlergebnisse der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen-Anhalt haben weit über die Landesgrenzen hinaus Besorgnis ausgelöst. Während politische Beobachter das Ergebnis als Bestätigung verfestigter gesellschaftlicher Umbrüche werten, greift die Bezeichnung der Wahlergebnisse als bloßer „Warnschuss“ für viele Kritiker zu kurz. Das veränderte Wählerverhalten offenbart tief sitzende strukturelle Versäumnisse, die sich insbesondere in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands niedergeschlagen haben.

Verwalten statt verkünden: Die evangelische Kirche im Reformstau

Die evangelische Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Identitätskrise. Unter dem Schlagwort der „Transformation“ vollzieht sich in vielen Landeskirchen, wie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ein Strukturwandel, der an der Basis zunehmend für Enttäuschung, Müdigkeit und das Gefühl einer lähmenden Überregulierung sorgt. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur des dortigen Pfarrblatts „Das Magazin“, zeichnet in seinem vieldiskutierten Beitrag „Lost in Transformation“ das Bild einer Institution, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt und dabei den Kontakt zu den Menschen verliert. Im Podcast Conny&Kurt diskutiert Weinrich mit Conny von Schumann, der Mitglied der Synode, dem Parlament, der EKHN ist.

Seit Jahrzehnten steht das finanzielle Sparen im Vordergrund. Die Reaktion auf schwindende Ressourcen ist die Bildung immer größerer Verwaltungseinheiten, sogenannter Nachbarschaftsräume, und multiprofessioneller Verkündigungsteams. Doch diese von oben verordnete Strukturreform droht die traditionellen Ortsgemeinden und gewählten Kirchenvorstände schrittweise zu entmachten. Kritiker vergleichen diesen Rückzug mit einer Sparkasse, die ihre Filialen schließt und sich anschließend über den ausbleibenden Kundenzustrom wundert. Weinrich bringt dieses Paradoxon in seinem Artikel präzise auf den Punkt: „Weniger Präsenz vor Ort, was als Innovation verkauft wird, wird viele Orts ausschließlich als Schrumpfung erlebt.“

Zudem bemängeln Insider ein eklatantes Defizit an geistlicher Leitung und visionärer Orientierung. Anstelle von Hoffnung vermittle die Kirchenleitung oft nur das Bild einer „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“. Gesellschaftlich relevante Debatten – ob zur Friedensethik im Ukraine-Krieg oder zu drängenden Fragen wie der Leihmutterschaft – werden von den Verantwortlichen gemieden. Man verwalte sich zu Tode, während die inhaltliche Relevanz in der Mittelmäßigkeit versinke. Um den fortschreitenden Verlust von engagierten Ehrenamtlichen und Geldgebern aufzuhalten, bedarf es laut den Kritikern dringend eines Mutes zum Risiko und einer neuen Lust am unregulierten Experiment.