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Verwalten statt verkünden: Die evangelische Kirche im Reformstau

Die evangelische Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Identitätskrise. Unter dem Schlagwort der „Transformation“ vollzieht sich in vielen Landeskirchen, wie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ein Strukturwandel, der an der Basis zunehmend für Enttäuschung, Müdigkeit und das Gefühl einer lähmenden Überregulierung sorgt. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur des dortigen Pfarrblatts „Das Magazin“, zeichnet in seinem vieldiskutierten Beitrag „Lost in Transformation“ das Bild einer Institution, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt und dabei den Kontakt zu den Menschen verliert. Im Podcast Conny&Kurt diskutiert Weinrich mit Conny von Schumann, der Mitglied der Synode, dem Parlament, der EKHN ist.

Seit Jahrzehnten steht das finanzielle Sparen im Vordergrund. Die Reaktion auf schwindende Ressourcen ist die Bildung immer größerer Verwaltungseinheiten, sogenannter Nachbarschaftsräume, und multiprofessioneller Verkündigungsteams. Doch diese von oben verordnete Strukturreform droht die traditionellen Ortsgemeinden und gewählten Kirchenvorstände schrittweise zu entmachten. Kritiker vergleichen diesen Rückzug mit einer Sparkasse, die ihre Filialen schließt und sich anschließend über den ausbleibenden Kundenzustrom wundert. Weinrich bringt dieses Paradoxon in seinem Artikel präzise auf den Punkt: „Weniger Präsenz vor Ort, was als Innovation verkauft wird, wird viele Orts ausschließlich als Schrumpfung erlebt.“

Zudem bemängeln Insider ein eklatantes Defizit an geistlicher Leitung und visionärer Orientierung. Anstelle von Hoffnung vermittle die Kirchenleitung oft nur das Bild einer „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“. Gesellschaftlich relevante Debatten – ob zur Friedensethik im Ukraine-Krieg oder zu drängenden Fragen wie der Leihmutterschaft – werden von den Verantwortlichen gemieden. Man verwalte sich zu Tode, während die inhaltliche Relevanz in der Mittelmäßigkeit versinke. Um den fortschreitenden Verlust von engagierten Ehrenamtlichen und Geldgebern aufzuhalten, bedarf es laut den Kritikern dringend eines Mutes zum Risiko und einer neuen Lust am unregulierten Experiment.

Konzentration als Heilsbotschaft der Kirche

Schon lange reagieren die Kirchen auf den Mitgliederschwund. Zusammenarbeit der kleiner werdenden Gemeinden oder die Fusion scheinen das Mittel der Wahl. In der Nordkirche nennt man diese Art der Konzentration Region in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Nachbarschaftsraum. Viele kleine Gemeinden sollen eine große bilden. Conny von Schumann erlebt als Kirchenvorsteher den Prozess – auch in seiner Widersprüchlichkeit – in seiner Gemeinde in Petterweil. Als Mitglied der Landessynode der EKHN hat er die Rahmenbedingungen mitbeschlossen. Kurt-Helmuth Eimuth steht dieser Entwicklung der Konzentration kritisch gegenüber. Alle zögen sich aus der Fläche zurück. Ob Einzelhandel oder Sparkasse, das Filialnetz werde ausgedünnt. Doch gerade Gemeinde brauche Räume der Begegnung, auch der spirituellen Begegnung. Die unmittelbare Nachbarschaft, also der Raum der fußläufig erreichbar ist, gewinne angesichts einer alternden Gesellschaft an Bedeutung.

Das zweite Gesicht der EKHN

Sie ist das „zweite Gesicht“ der Landeskirche. Birgit Pfeiffer ist Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und damit die höchste Ehrenamtliche der Landeskirche. Die promovierte Medizinerin sieht im Podcast Conny&Kurt die Entwicklung der evangelischen Kirche trotz der Herausforderungen positiv. In den Veränderungen der Kirchenstruktur mit ihren Nachbarschaftsräumen, die die Zusammenarbeit mehrerer Gemeinden bündeln, sieht sie Chancen.

Pfeifers Weg zur aktiven Kirchenarbeit begann vor 50 Jahren mit ihrer Konfirmation in Schwenningen, Württemberg. Dies war ein „Dreh- und Wendepunkt“ in ihrem Leben. Nach der Konfirmation engagierte sie sich in der Jugendarbeit, begleitete Jungschargruppen und Freizeiten. Ihr Engagement entwickelte sich über verschiedene Stationen, vom Kirchenvorstand über die Dekanatssynode und den Dekanatssynodalvorstand bis hin zur Kirchensynode und schließlich 2022 zur Wahl als Präses der Kirchensynode.

Zur Person:
Birgit Pfeiffer (61) ist promovierte Medizinerin und arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Jugend 2024: Kein Pessimismus bei den Jugenddelegierten

Die Studie „Jugend in Deutschland 2024“ bilanziert eine pessimistische Grundhaltung in der jungen Generation. Sie spricht sogar davon, dass die Stimmung in der jungen Generation zu kippen drohe. Stress und Erschöpfung seien angestiegen. Die Podcaster Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth befragten zwei Jugenddelegierte in der Synode (Parlament) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Hannah Ferber und Jeremy Sieger können den Befund mit Blick auf das Weltgeschehen verstehen. Doch ihre Haltung ist eine ganz andere. In der Kirche findet man, so Sieger, „eine offene Gemeinschaft, die wertschätzend mit einem umgeht. Man hat Raum und Räume sich zu entfalten. Man hat viele Möglichkeiten.“ Hannah Ferber pflichtet ihm bei: „Jeder und jede findet ihren Platz in Kombination mit dem Spirituellen.“ Ihre Empfehlung für die Kirche ist eine bessere „Glaubenskommunikation“, vor allem auch in den sozialen Medien. Und die Kirche solle sich klar positionieren, etwa gegen Rechts.

https://youtu.be/Dcj_ACC95Qk